Reinhard Müller gehört seit vielen Jahrzehnten zu den profilierten Denkern der Kartenzauberei. In seinen Veröffentlichungen verbindet er technische Präzision mit historischem Interesse und einer besonderen Aufmerksamkeit für grundlegende Prinzipien der Kartenmagie. Anlässlich der Neuauflage seines Heftes „Falschzählmethoden“ spricht Müller in diesem Interview über seinen Weg zur Kartenkunst, über prägende Einflüsse aus der internationalen Zauberliteratur und darüber, welche Rolle Technik, Präsentation und dramaturgischer Kontext bei der Anwendung von Zählmethoden spielen.
Warum und wie haben Sie angefangen, mit Spielkarten zu zaubern?
RM:
Mit dem Zaubern begann ich bereits als Schüler in den unteren Klassen des Gymnasiums, wo ich zunächst die unterschiedlichsten Kunststücke vorführte. Die eigentliche Hinwendung zur Kartenkunst erfolgte jedoch erst viele Jahre später. Anfang der 1950erJahre entdeckte ich die englische und amerikanische Zauberliteratur, die mir eine völlig neue Welt eröffnete. Über Händler und Künstler wie Al Thorsten, Ken Brooke, Stanley, Axel Rasmussen, Nick Trost, Ron WohlRavelli, Piet Forton oder Jeff Busby erhielt ich nicht nur Zugang zu Büchern, Zeitschriften und Effekten, sondern stand mit vielen von ihnen auch in regelmäßigem Briefkontakt. Dieser internationale Austausch hat meine Entwicklung entscheidend geprägt und schließlich dazu geführt, dass ich mich intensiver der Kartenmagie zuwandte.
JD:
Haben Sie in der Kartenzauberei einen Plot, zu dem Sie immer wieder zurückkehren?
RM:
Im Moment interessieren mich vor allem Prinzipien, etwa das Gilbreath-Prinzip. Gerade beschäftige ich mich intensiv mit dem Rashomon-Prinzip (duale Realitäten). Inzwischen habe ich 48 Broschüren über Kartenthemen für die Kartentagungen der Escuela Mágica de Madrid in Escorial geschrieben.
JD:
Welche Fachliteratur hat Sie wirklich geprägt?
RM:
Lewis Gansons Veröffentlichungen über Cy Endfield, Dai Vernon, Hugard/Braue Expert Card Technique, die von Lorayne, Fulves, Racherbaumer, Marlo und Harry Stanley herausgegebenen Zeitschriften und Bücher sowie Steven Minchs Werke über Alex Elmsley, den ich übrigens auch persönlich kennenlernen durfte.
JD:
Wer sind Ihre Vorbilder?
RM:
Siehe Antwort vorherige Frage.
JD:
Sie waren vor kurzem wieder auf dem Cardworkshop in Nürnberg. Was fasziniert Sie heute noch an Spielkarten oder der Zauberei mit Spielkarten?
RM:
Historische Recherchen und die Suche nach Prinzipien und kartenspezifischen Themen, zum Beispiel hier dokumentiert: https://repository.moz.ac.at/download/pdf/10254177.pdf
JD:
Welche Probleme wollten Sie mit dem Heft „Falschzählmethoden“ damals lösen?
RM:
Seinerzeit waren englischsprachige Veröffentlichungen – Bücher wie Zeitschriften – nicht allgemein bekannt, in denen Zählmethoden beschrieben wurden. Es gab auch keine zusammenfassende Übersicht. Die Zählmethoden, teils auf bestimmte Effekte bezogen, musste man sich mühsam zusammensuchen.
JD:
Welche Eigenschaften muss eine Falschzählmethode aufweisen, damit sie für Sie brauchbar ist?
RM:
Sie soll möglichst wie ein reguläres Abzählen von Karten aussehen. Handgriffe, Tempo und Rhythmus müssen identisch mit echtem Zählen sein. Wiederholbarkeit und Anpassungsfähigkeit für verschiedene Routinen sind wichtig, ebenso Unverdächtigkeit aus unterschiedlichen Blickwinkeln und ein möglichst geringer technischer Aufwand. Kurz: Die Zählweise darf keinen Verdacht erregen und muss wie ein normales Abzählen wirken.
JD:
Welche Rolle spielt der Kontext (Routine, Dramaturgie, Publikum) bei der Wahl einer Zählmethode?
RM:
Die beste Falschzählmethode ist nicht die technisch schwierigste, sondern jene, die zur vorgetragenen Geschichte passt, natürlich motiviert ist und zur Vorführsituation gehört. Sie darf von den Zuschauern nicht hinterfragt werden. Technik dient der Wirkung – nicht umgekehrt.
JD:
Gibt es eine Grundannahme über Falschzählmethoden, die Sie für falsch halten?
RM:
„Je technisch perfekter und unsichtbarer die Zählmethode, desto stärker der Effekt.“ In Wahrheit ist sie nur ein Werkzeug – entscheidend sind Präsentation, Timing und Kontext.
JD:
Gibt es eine Falschzählmethode, die Ihrer Meinung nach unterschätzt wird?
RM:
Meine Version des „Ascanio“ das statischen AscanioZählens.
JD:
In dem Buch sind die einzelnen Falschzählmethoden sehr visuell mit Grafiken verdeutlicht. Im Original stammen diese von Rudolf Braunmüller. Wie ist es zu dieser Idee gekommen?
RM:
Das könnte nur Rolf beantworten – wahrscheinlich, um die zeichnerisch anspruchsvolle Darstellung von Handlungen zu umgehen und dennoch den Zählvorgang Phase für Phase anschaulich zu machen.
JD:
Hat die ständige Verfügbarkeit von Techniken im Internet die Art verändert, wie sich Zauberer mit Material auseinandersetzen?
RM:
Falschzählmethoden sind heute leichter zugänglich, die Auswahl ist groß. Das führt oft zu oberflächlichem Lernen; Technik wird ohne dramaturgische Einbettung übernommen. Mit bloßem Kopieren erreicht man keine überzeugende Wirkung. Entscheidend ist die persönliche Note. Die traditionelle Geheimhaltung existiert so nicht mehr.
JD:
Zum Abschluss: Was würden Sie einem jugendlichen Zauberanfänger mit auf den Weg geben?
RM:
Technik üben. Auf Story und Motivation achten. Natürlichkeit bewahren. Eine eigene Note entwickeln. Das Publikum beobachten. Geduld und Freude behalten. Regelmäßig üben – aber die Freude bewahren.
Porträt
Publikationen
- Falsch-Zähl-Methoden (1972)
- Gilbreath Prinzipien (1979)
- Phantomwürfel (1982)
- Cards up the Sleeve (1993)
- Flying Cards Across (1985)
- Cartas Gigantes (1981)
- Wild Cards (1983)
- Hofzinser and the Magic of the 19th Century



