Intermagic 2. Jhg. 1974/1975

Walt Lees Close-Up-Session

Übersetzt aus „Magic Info“, herausgegeben von Ron McMillan’s International Unique Magic Studio, London.

Foto: pexels.com - Fotografiert von Humeyra Ozessiz

InterThought - Ausgabe 4, Juni 1975

Das Einüben von Tricks gehört zu den am meisten unterschätzten, zugleich aber zentralen Arbeitsfeldern der Close-up-Magie. Während Techniken und Routinen ausführlich beschrieben werden, bleibt die Frage nach Struktur, Zielsetzung und Methodik des Übens oft unbeantwortet. Walt Lees konzentriert sich auf genau diesen Aspekt: Er versteht Übung als planmäßigen Prozess, unterscheidet zwischen kreativem Entwickeln und technischem Festigen und formuliert konkrete Leitlinien zu Frequenz, Dauer, Spiegelarbeit, Umgebungswechsel und Vortragsgestaltung. Im Mittelpunkt steht dabei nicht bloße Wiederholung, sondern die systematische Entwicklung von Kontrolle, Anpassungsfähigkeit und Vorführungssicherheit.

Das Einüben von Tricks

Hier sind einige Fragen und Antworten, die beitragen werden, falsche Ansichten zu korrigieren, außerdem aber dem magischen Close-Up-Novizen praktische Ratschläge vermitteln sollen.

(F) Wie wichtig ist das Üben von Tricks?

(A) Für den Handfertigkeitskünstler ist dies von größter Bedeutung. Übung ist das Rückgrat aller guten Vorführenden dieser oder auch der meisten anderen Sparten der Zauberkunst. Wenn Sie nicht bereit sind, gründlich zu üben, sollten Sie jeden Gedanken an manipulative Arbeit fallen lassen und sich einem weniger anspruchsvollen Gebiet zuwenden.

(F) Wieviel Übung benötigt man wenigstens, um einen akzeptablen Vorführungsstandard zu erreichen?

(A) Diese Frage deutet an, dass man Übung als eine Art Hausaufgabe betrachtet. Dies ist eine falsche Einstellung. Übung ist nicht nur ein notwendiges Übel. Sie kann und soll ein angenehmer Zeitvertreib sein. Wenn Sie Ihre Übungsstunden nicht befriedigen und erfreuen, dann erkennen Sie nicht den eigentlichen Kern dieser Art der Magie. Das Miterleben, wie eine neue Idee entsteht und sich herauskristallisiert, kann einem unendlich viel Spaß bereiten. Kurz gesagt: Die Antwort auf diese Frage lautet, dass man wenigstens so viel üben sollte, wie es die Zeit erlaubt.

(F) Gut, wenn ich also willens bin, zu üben, was dann? Welche Ziele sollte ich mir setzen, um das Meiste herauszuholen?

(A) Es gibt verschiedene Ziele beim Üben, obwohl das eigentliche Ziel sein sollte, gute Unterhaltung für Ihr nächstes Publikum zu kreieren. Ich finde, dass Übungsstunden in zwei Hauptkategorien eingeteilt werden können: dem KREIEREN und TRAINIEREN.

KREATIVES Üben wird durchgeführt mit der Absicht, neue Ideen auszuprobieren, neue Griffe zu erlernen und neue Techniken zu entwickeln. In anderen Worten: Der Vorführende versucht, sein Wissen und sein Repertoire zu erweitern.

TRAININGS Üben ist, wenn der Vorführende nicht versucht, sich mit Dingen zu beschäftigen, die ihm noch nicht bekannt sind. Das Ziel dieser Übungskategorie ist, die Beherrschung eines Kunststücks zu vervollkommnen, so wie dies für öffentliche Vorführungen notwendig ist. Meist wird dies so gehandhabt, dass man seine Tricks und Routinen in kurzen und regulären Zeitabständen durcharbeitet, bis sie einem in Fleisch und Blut übergehen.

(F) Wie oft soll ich üben und wie lange?

(A) Die Antwort auf die erste Frage ist leicht. Üben Sie so oft, wie Sie Zeit haben. Am besten jeden Tag. Doch ist das nicht immer möglich.

Auf die zweite Frage gibt es keine feste Antwort. Üben Sie so lange, wie Sie können, ohne dabei müde zu werden. Zwingen Sie sich nicht, weiterzumachen, wenn Sie sich nicht mehr frisch fühlen. Wenn Sie zu lange auf einer Sache beharren, werden Sie nur müde und Ihre Konzentration lässt nach. Wenn das geschieht, sollten Sie aufhören. Sie gewinnen nichts, wenn Sie sich weiter abquälen und Ihre Gedanken nicht voll bei der Sache sind. Als Regel beschäftige ich mich in einem Durchgang 15 bis 30 Minuten mit einem neuen Griff. Dann lasse ich ihn mindestens 24 Stunden in Ruhe, bevor ich mich ihm wieder zuwende. Ich rate jedem, der etwas Neues einstudiert, genauso zu verfahren. Man lernt genauso schnell, wie wenn man endlose Stunden mit dem Einüben einer Sache verbringt.

Wenn Sie nichts Neues einstudieren, sondern lediglich Ihr Repertoire auffrischen, ist es nur notwendig, dieses Repertoire so oft wie möglich und in regulären Zeitabständen durchzuüben. Wiederholen wir nochmals die Hauptpunkte. Üben Sie, so oft Sie können. Plagen Sie sich nicht allzu sehr. Geben Sie sich nicht zu lange mit ein und demselben Trick ab. Machen Sie Schluss, wenn die Konzentration nachlässt Denken Sie daran, dass kurze Übungsstunden in regulären Zeitabständen mehr bringen als Marathonübungen in unregelmäßigen Zeitabständen.

(F) Mir wurde gesagt, dass ich immer vor einem Spiegel üben sollte. Stimmt das? …

(A) Nein, sicher nicht! Es ist gut, gelegentlich vor einem Spiegel zu üben. Es ist wichtig, wenn Sie einen neuen Griff einstudieren, um sicherzustellen, dass er richtig aussieht. Auch sollten Sie Ihre Kunststücke von Zeit zu Zeit vor einem Spiegel ausprobieren, um zu sehen, ob Ihre Griffe sauber sind und sich keine gefährlichen Sichtwinkel eingeschlichen haben.

Aber denken Sie dabei immer daran, dass das laufende Üben vor einem Spiegel schlechte Gewohnheiten zeugt. Erstens gewöhnt man sich daran, sich immer selbst zu beobachten, wenn man zaubert. Wenn Sie dann vor den Zuschauern stehen und keinen Spiegel haben, in dem Sie sich betrachten können, wissen Sie nicht mehr, wohin Sie blicken sollen. Die sich hieraus ergebende Unsicherheit beeinflusst Ihren Vorführungsstil und zerfrisst Ihr Selbstvertrauen. Ein weiterer Nachteil der übermäßigen Verwendung eines Spiegels ist, dass man sich angewöhnen kann, mit den Augen zu zwinkern, wenn man einen Griff macht. Ich habe schon verschiedene Magier gesehen, die in diese Falle gegangen sind. Die nachteiligste Wirkung aber ist, dass man sich so daran gewöhnt, sich beim Ausführen von Griffen zu beobachten, dass es nach einer gewissen Zeit unmöglich wird, einen Griff zu machen, ohne sich dabei selbst zu beobachten. 
Folglich neigen Sie dazu, während einer Vorführung im kritischen Moment auf Ihre Hände zu starren, wenn Sie Ihr Spiegelbild nicht sehen können.

Üben Sie also nur vor einem Spiegel, wenn Sie entweder eine neue Sache ausarbeiten oder irgendwelche Griffe auf ihre saubere Ausführung überprüfen. Ich selbst verwende einen Spiegel bei jeder fünften oder sechsten Übungsstunde.

(F) Wo übt man am besten?

(A) Dies hängt davon ab, ob Sie üben, um zu TRAINIEREN oder um zu KREIEREN. Wenn Sie eine kreative Übungsstunde abhalten oder neue Ideen entwickeln versuchen, sollten Sie sich an einen Ort begeben, wo Sie konzentriert arbeiten können und ungestört sind.
Andererseits, wenn Sie trainieren, sollten Sie die Umgebung wechselhaft gestalten. Gewöhnen Sie sich daran, unter verschiedenen Bedingungen und unter allen möglichen Schwierigkeiten zu arbeiten. Es ist ein schwerer Fehler, sich immer zur gleichen Zeit auf den gleichen Stuhl und vor den gleichen Tisch zu setzen, um auf der gleichen Mikrounterlage zu zaubern. Merken Sie sich, dass Sie in der Öffentlichkeit nicht immer die gleichen Bedingungen antreffen. Manchmal stehen Sie, manchmal sitzen Sie an einem Tisch, manchmal ist es ein Sessel mit einem kleinen Kaffeetisch, so daß Sie sich weit nach vorne neigen müssen, und manchmal kauern Sie am Boden. Denken Sie auch daran, dass Ihre geliebte Mikrounterlage nicht immer greifbar ist. Also sollten Sie auch lernen, mit glatten und weichen Oberflächen fertig zu werden. Eine gute Idee ist es, das Radio anzuschalten, damit Sie sich daran gewöhnen, vor einem geräuschvollen Hintergrund zu arbeiten.
Dies alles hat den Zweck, Sie magisch abzuhärten, damit Sie beim Antreffen widriger Umstände nicht passen müssen. Denn dann sind Sie gut vorbereitet und wissen genau, wie Sie Ihr Repertoire den jeweiligen Umständen anpassen müssen.

(F) Wie ist es mit dem Vortrag – soll man den auch üben?

(A) Der Vortrag ist ein fester Bestandteil der Routine. Man sollte ihn von Zeit zu Zeit durchsprechen, damit Sie genau wissen, was Sie wann sagen. Jedoch ist der Vortrag eines Close-Up-Magiers nicht ganz so wortgenau wie der eines Bühnenmagiers. Sie müssen bereit sein, sich mit Ihren Zuschauern zu unterhalten. Aus diesem Grund sollten Sie nicht einen Wortstrom nach Papageienart einstudieren. Es ist besser, einen Vortragsrahmen zu entwickeln, der Spielraum für Ergänzungen und Änderungen bietet und spontan klingt. Aber man sollte ihn gelegentlich wiederholen, damit er immer frisch im Gedächtnis bleibt.

(F) Macht Übung perfekt?

(A) Nicht ganz, etwas wie einen perfekten Trick gibt es nicht. Man kann immer eine Verbesserung finden, wenn man lange genug sucht. Manchmal glaubt ein Künstler, dass er einen Trick so gut vorführt, wie man ihn nur vorführen kann. Dies ist ein Irrtum. Die Tatsache, dass er nicht erkennt, wie der Trick verbessert werden kann, besagt nur, dass er die Grenze seines momentanen Wissens erreicht hat. Später, wenn er übt und Erfahrung sammelt und seine magischen Fähigkeiten steigert, wird er Verbesserungen finden und Probleme lösen, von deren Existenz er im Moment noch gar nichts weiß.
Dies ist die wahre Freude und Faszination des Übens. Je mehr Sie lernen, desto mehr wird es Ihnen klar, was es zu lernen gibt. Denken Sie auch daran, dass es so etwas wie Talent gibt, das auch irgendwann ins Spiel kommt. Manche Leute sind hier mehr begabt als andere. Aber welche natürlichen Fähigkeiten Sie auch haben oder nicht haben, Ihre Vorführungen werden viel mehr Erfolg haben und Ihre Geschicklichkeit wird sich viel besser entwickeln, wenn Sie systematisch üben.

Der Text stammt aus dem Fachmagazin Intermagic, das von Rudolf Braunmüller herausgegeben wurde. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber.

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