Schauspielkunst und Regie für Zauberkünstler

Einleitung

V. J. Astor
Ein Leitfaden

Die magische Präsentation

2001 (2. Auflage)
Autor: V. J. Astor

Seiten: 151

Verlag: Magic Factory

„Was in der Musik am wichtigsten ist, steht in den Noten nicht geschrieben.“ Diesen Beethoven zugeschriebenen Spruch könnten wir in folgender Form in der Zauberkunst anwenden: Was in der Zauberkunst am wichtigsten ist, steht in den Zauberbüchern nicht geschrieben. Und tatsächlich: All die Tausende von Zauberbüchern, die bisher herausgegeben worden sind, geben zwar fertige Rezepte für Zaubertricks: Die notwendigen Behelfe, die anzuwendenden Griffe, alles was man über die angewandte Tricktechnik wissen muss, ja, manchmal auch der Begleittext wird beschrieben; wie man aber das beschriebene Kunststück vorführen, wie man es künstlerisch präsentieren soll, also über die Schauspielkunst, darüber wird kein Wort verloren.

Was hat die Zauberkunst mit der Schauspielkunst zu tun – könnte man fragen. Nun, viel mehr, als dies auf den ersten Blick erscheint, und sehr viel mehr, als bis zur letzten Zeit angenommen wurde. Ich wage zu behaupten, dass die schauspielerische Leistung eines Zauberkünstlers noch wesentlich wichtiger ist, als seine tricktechnischen Fähigkeiten. Dass dies keine leere Behauptung ist, werde ich beweisen.

„Der Zauberkünstler ist ein Schauspieler, der die Rolle eines Zauberers spielt“ – sagte im neunzehnten Jahrhundert Robert Houdin, der berühmte französische Magier, den man auch den Vater der modernen Zauberkunst nennt. Er hat bereits vor über hundert Jahren richtig erkannt, dass es nicht die Methode, nicht die Tricktechnik ist, was den Erfolg eines Kunststückes sichert, sondern einzig und allein der Modus der Vorführung, die Art der Präsentation. Mit welcher Methode, mit welchen Kunstgriffen oder technischen Raffinessen ein Effekt verwirklicht wird, kann zwar den Zauberkünstler interessieren, den Zuschauer kann dies nicht beeindrucken; ja, vor dem Publikum bleibt und MUSS auch die noch so raffinierte Tricktechnik verborgen, geheim, unerkennbar bleiben.

Die Zuschauer sehen nur, wie man den Effekt vorführt, wie man ihn präsentiert. Und diese Präsentation kann sehr verschieden sein. Dasselbe Kunststück, das in den Händen des einen Magiers einen überwältigenden Eindruck auf die Zuschauer ausübt und von diesen als vollendete Kunst erkannt (und anerkannt!) wird, kann in den Händen eines Dilettanten zu einem „blöden Trick“ degradiert werden, der mit dem Begriff Kunst (der bekanntlich vom „Können“ abstammt) gar nichts zu tun hat.

Leider begehen wir alle (mich inbegriffen) in unseren ersten „magischen“ Zeiten den Fehler, dass wir (wenn auch aus absolut verständlicher menschlicher Neugier) nur nach „neuen Tricks“ , neuen (trick-)technischen Details und Raffinessen suchen, wobei all das, was eigentlich das Künstlerische an der Zauberkunst ist, unbeachtet bleibt. Die Folge ist dann – wenn ich ehrlich sein will, muss ich es leider aussprechen -, dass es sehr viele schlechte Zauberdarbietungen gibt, zu denen ich nicht nur Amateure zähle. Und dass die Zauberkunst, die im technischen Bereich, besonders in den letzten Jahrzehnten, eine explosionsartige Entwicklung erlebt, immer noch mit großen Schwierigkeiten kämpfen muss, um als Kunst anerkannt zu werden.

Der Grund für diesen Zustand ist, dass bisher nur sehr wenige erkannt haben, welch wichtige Rolle schauspielerische Fähigkeiten in der Zauberkunst spielen. Die Fachliteratur der Magie, die bereits viele tausend Werke zählt, in denen alle Bereiche der Zauberkunst und der verwandten Künste reichlich vertreten sind, kann kaum eine Handvoll Bücher aufweisen, die die Präsentation, das „Showmanship“, die Schauspielkunst in der modernen Zauberei behandeln. Und leider auch diese Werke – die sämtlich vor nicht langer Zeit erschienen sind, seitdem man die Wichtigkeit dieses Gebietes zu erkennen beginnt – befassen sich zum überwiegenden Teil mit tricktechnischen Aspekten. Das ist zwar auch notwendig, wenn man die Regietechnik berücksichtigt, aber die Schauspieltechnik selbst bleibt dabei auf der Strecke.

Warum wohl hat der eine Erfolg beim Publikum, während der andere, trotz vielleicht besserer Tricktechnik, weniger gut „ankommt“ Warum wird der eine als Künstler gefeiert, während der andere – vielleicht mit den gleichen Kunststücken – als Dilettant, als „Auch-Zauberer“ betrachtet wird? Warum bleibt ein Kunststück bei dem einen wirkungslos, wobei ein anderer aus dem gleichen Kunststück ein „Wunder“ macht? Ich versuche dies mit einem Beispiel zu erläutern:

Stellen Sie sich bitte Folgendes vor: Auf der Bühne erscheinen zwei Männer; ein Artist (Akrobat) und ein Turner (Sportler). Beide vollführen einen Salto, und zwar gleich gut und vollkommen. Obwohl Sie es nicht wissen, können Sie doch sofort sagen, welcher von den beiden der Artist und welcher der Turner ist. Niemand verrät es Ihnen, trotzdem merken Sie sofort, instinktiv, den Unterschied zwischen den beiden und sind imstande, jeden in seine Kategorie einzustufen.

Was hat Ihnen das unfehlbare Gefühl gegeben, dass einer der beiden Männer ein Künstler ist, während der andere nur eine vorgeschriebene Übung ausgeführt hat? Woran haben Sie erkannt, welcher welcher ist, und zwar rein instinktiv, ohne darüber nachzudenken, ohne die Geschehnisse zu analysieren, trotzdem klar und deutlich.

Die Antwort ist verblüffend einfach: Der eine, der Turner, hat einen Salto gemacht, der Artist dagegen hat ihn vorgeführt. Und diesen Unterschied merkt man – wenn auch unbewusst – sofort. Ja, die Menschen (das Publikum) haben sehr feine Antennen dafür!

Bühnenwirksames Auftreten ist also das Losungswort, und darüber wird in diesem Buch die Rede sein. Das bedeutet aber nicht, dass man dieses nur dann beherrschen muss, wenn man auf einer Bühne agiert. Es gelten die gleichen Gesetze, Vorschriften – ja: Tricks – des Agierens, egal ob man auf einer Bühne, auf dem Podium, im Parkett, in der Manege oder im kleinsten Kreise in einem einfachen Zimmer vor dem Publikum steht. Bühnenwirksames Auftreten verlangt eben mehr als (in unserem Fall) vollkommene Beherrschung des Tricks. Ohne eine gewisse Kenntnis der Vorführungskunst kommt man nicht aus.

Im Grunde haben es die Schauspieler wesentlich leichter als wir Zauberkünstler. Der Schauspieler bekommt seine Rolle fix und fertig geschrieben, er braucht sie nur auswendig zu lernen. Die Dekorationen und die Requisiten für das Stück werden von anderen geplant, gestaltet und besorgt, er braucht sich darüber keine Gedanken zu machen. Selbst das richtige Vorführen seiner Rolle wird ihn – Schritt für Schritt – vom Regisseur erläutert, wenn nötig auch vorgespielt und einstudiert. Der Zauberkünstler dagegen ist in vielerlei Hinsicht alleingelassen, auf sich gestellt. Seine Rolle muss er sich selbst zusammenstellen, die Requisiten und Behelfe etc. besorgen. Regie muss er – falls er überhaupt eine Ahnung davon hat – selbst führen und er muss auch selbst herausfinden, wie er seine selbstgestaltete Rolle spielen soll, damit er die größtmögliche Wirkung erreicht. Dramaturgie, Regie und Schauspielkunst sind also die Gebiete, die er beherrschen müsste, aber er findet in der gesamten Zauberfachliteratur kaum Anregungen darüber. Wir werden alle drei Gebiete behandeln; als erstes die Schauspielkunst.

„Nicht jeder hat eine schauspielerische Begabung“ – werden einige einwenden. Richtig. Aber – so frage ich – hat auch jeder, der zaubert, Talent zur Zauberkunst? Sicherlich nicht. Aber so wie jeder (Interesse, eine gewisse Begeisterung, Fleiss und Ausdauer vorausgesetzt) das Zaubern erlernen wird, so kann sich auch jedermann eine gewisse Grundkenntnis der Schauspielkunst aneignen.

Ich war ein begeisterter Amateurzauberer und wurde dann 1941 Berufszauberkünstler. Ich habe Tag und Nacht geübt, bis ich fast vollkommen manipulieren konnte. Ich habe teure Zauberapparate gekauft und gebaut, schöne Bühnendekorationen erworben und glaubte alles getan zu haben, um Erfolg zu erringen. Ich kann nicht behaupten, dass ich überhaupt keinen Beifall erntete, der große Erfolg blieb aber aus. Ich merkte, dass etwas fehlt, etwas Wesentliches, etwas sehr Wichtiges. Aber was war das?

Die Antwort auf diese Frage erhielt ich eines Tages von eine Freund, einem Schauspieler, der meine Vorstellung gesehen hatte. Sie lautete etwa so: „Zaubern kannst du vielleicht gut, aber du bewegst dich auf der Bühne unmöglich. Sei mir bitte nicht böse, aber du bist kein Künstler. Du bist ein Handwerker, der sein Fach gut beherrscht. Du machst Tricks, du führst sie nicht vor! Deine Manipulationen sind – soweit ich das beurteilen kann – gut, vielleicht sogar sehr gut. Aber du hast keine Ahnung von der Bühnenkunst, und alles, was d machst, ist grundfalsch. Du kannst nicht sprechen, du kannst nicht gehen, du kannst dich nicht bewegen, Du kannst nicht agieren. Nimm Stunden bei einem guten Schauspieler oder an einer Schauspielschule, lerne dich auf der Bühne zu bewegen, dann wirst du vielleicht auch ein guter Zauberkünstler sein.“

Das waren harte Worte. Aber ich bin meinem Freund bis heute sehr, sehr dankbar. Ohne seine strenge Kritik wäre mir das versagt geblieben, was ich inzwischen erreicht habe. Ich bin seinem Rat gefolgt, nahm Stunden bei einem Schauspieler und besuchte später eine Schauspielschule in Budapest. Und ich habe es nicht bereut.

Zusammenfassend möchte ich feststellen: Die Grundbegriffe der Schauspielkunst sind erlernbar. Man muss dazu nicht gleich eine Schauspielschule besuchen; es genügt, die wichtigsten Grundregeln kennenzulernen, um aus einem Auch-Zauberer zu einem Zauberkünstler zu werden. Selbstverständlich kann ich Ihnen hier keine umfassende Schauspielerschulung geben; ich werde Ihnen aber die allerwichtigsten Grundkenntnisse über das richtige Verhalten auf der Bühne vermitteln. Haben Sie bitte keine Angst. Es ist nicht schwer. Sie brauchen nicht viel zu üben. Es genügt, wenn Sie einige einfache Regeln beherzigen. Sie werden diese dann fast automatisch anwenden; aber das können Sie nur, wenn Sie sie kennen. Die Literatur der Zauberkunst ist noch sehr arm an diesbezüglichen Anregungen. Dieses Buch soll diese riesige Lücke weitest möglich ausfüllen.

Die Grundsätze und Regeln der Schauspielkunst haben zwar auch in der Zauberkunst volle Gültigkeit, sie reichen aber nicht immer aus. Sie müssen manchmal den besonderen Erfordernissen der Zauberkunst angepasst und oft mit vielen, nur in der Zauberkunst vorkommenden Mitteln und Techniken ergänzt werden. Diese wurden bisher nirgendwo beschrieben. Ich habe sie anhand der Erkenntnisse und Erfahrungen aus den immerhin über 50 Jahren meiner Laufbahn als Berufszauberkünstler hier aufgenommen. Ich vertraue dieses Buch der Magierschaft mit dem Wunsch an, es möge zur Förderung der Magischen Kunst beitragen.

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Der Text stammt aus dem gleichnamigen Buch „Die Magische Präsentation“, welches von der Magic Factory Essen herausgegeben wird. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Rechteinhabers.

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