Der Herausgeber meldet sich zu Wort
Dr. A. Ch. Wilsmann
Magische Autoren des 20. Jahrhunderts
Unmöglich und doch möglich
2026 (1. Auflage)
Autor: Dr. A. Ch. Wilsmann
Seiten: 456
Verlag: Magic Factory
Zur Einführung
Es war 1943, als ich, damals ein achtjähriger Junge, von meinem Vater einen Stoß „Magie“-Hefte bekam, die ihm ein Bekannter geschenkt hatte. Welch tolle Dinge darin standen! Zwar hatte ich vorher schon ein paar kleine Tricks gekannt, die mir mein Vater und mein Onkel gezeigt hatten, aber Literatur über Zauberkunststücke war mir noch unbekannt. Und jetzt diese Hefte. Da gab es Tricks zu lesen, bei denen Menschen verschwanden, Tücher sich färbten, Seile steif wurden – wundersame Mirakel, die aber bei weitem die Möglichkeiten eines kleinen Jungen überstiegen. Aber da gab es auch Kartenkunststücke, vor allem einige von einem gewissen Dr. A. CH. Wilsmann, die keine Fingerfertigkeit und keine Apparaturen verlangten und somit auch für mich einüb- und vorführbar waren.
So entstand meine Bekanntschaft mit Dr. Wilsmann, die ich nach dem Krieg mit der Jugendzeitschrift „Liliput“ fortsetzte, die in jeder Ausgabe die Erklärung kleiner Zaubertricks enthielt.
Die Jahre vergingen. Wie alle Fanatiker der Kartenkunst wandte auch ich mich der amerikanischen Schule zu. Und wie so viele andere auch erklärte ich jedem, der es hören oder nicht hören wollte, dass die deutsche Kartenkunst in unserem Jahrhundert ohne jede Bedeutung gewesen sei und uns die anglikanischen Länder um … zig Jahre voraus seien. Aber je älter ich wurde, desto seltener wurde dieser Ausspruch, und desto öfter stellte ich mir die Frage, ob diese Behauptung denn wirklich stimme. Und es fielen mir Namen ein wie Graziadei, Dr. Manfred Keck, Leopold Figner, Dr. Rohnstein, Reinhold Woda, unser Rolf Andra – und Dr. Wilsmann.
Eines Tages dann, auf der Suche nach einem interessanten Thema für einen Clubabend des Münchner Magischen Zirkels, erinnerte ich mich wieder einmal an Dr. Wilsmann und setzte das Thema „Dr. Wilsmann und seine Kartenkunst“ an. Bei den Vorbereitungen hierzu fiel mir zum ersten Mal bewusst auf, dass es über seine Trickschöpfungen kein Einzelwerk gab. Zwar waren manche seiner Effekte in der „Magie“ erschienen, ferner hatte die Firma Conradi-Horster verschiedene seiner Kunststücke herausgebracht. Aber ein zusammenfassendes Werk gab es nicht.
Der „Dr. Wilsmann-Abend“ fand statt und war ein Riesenerfolg. Viele unserer jüngeren Mitglieder begegneten dieser Spielart der Kartenkunst zum ersten Mal und hatten das für sie höchst eigentümliche Erlebnis, einmal nicht auf Anhieb sagen zu können, wie ein Trick funktioniert. Und ich selbst machte die Feststellung, dass in unserer heutigen Zeit die mathematische Kartenkunst fast in Vergessenheit geraten ist.
Wieder vergingen Jahre, dann vernahm ich, dass die Gattin von Dr. Wilsmann verstorben war und ihre Hinterlassenschaft von der Stadt Nürnberg versteigert werden würde. Nun war ich schon immer der Ansicht gewesen, dass noch weiteres Dr. Wilsmann-Material vorhanden sein müsse, Material, das bisher noch nicht veröffentlicht worden war. Aus diesem Grund wandte ich mich an meinen Zauberfreund Kurt Teichmann aus Fürth mit der Bitte, bei dieser Versteigerung anwesend zu sein und darauf zu achten, ob irgendwelche trickbezogenen Aufzeichnungen zum Angebot kämen. Das Ergebnis war enttäuschend, denn es gab nichts derartiges zu ersteigern.
Dann, im Mai 1982, klingelte eines Tages mein Telefon. Am anderen Ende war mein guter Freund Fritz Stieg aus München und fragte mich – so ganz nebenbei –, ob ich eventuell an zwei Originalmanuskripten von Dr. Wilsmann interessiert wäre. Um es kurz zu machen, wir trafen uns und vor mir lagen – ich wollte meinen Augen nicht trauen – zwei bisher unveröffentlichte Manuskripte, die Fritz Stieg von Frau Wilsmann einschließlich aller Rechte erhalten hatte.
„Veröffentlichen oder nicht veröffentlichen?“, das war nun die Frage. Einerseits wusste ich, dass bei der heutigen beherrschenden Stellung der manipulativen Kartenkunst viele Magier die mathematische Kartenkunst – und um die handelt es sich hier vorwiegend – als passe ansehen. Sind doch fast alle der Meinung, dass man sein Publikum mit flotten Knüllern „erschlagen“ muss, und kein Mensch mehr die Geduld aufbringt, die doch etwas bedächtigen Wunder eines Dr. Wilsmanns über sich ergehen zu lassen. Andererseits hatte ich aber auch die Erfahrung gemacht, dass die moderne, manipulative Kartenkunst die Zuschauer zwar zum Staunen bringt, wobei aber das Staunen hauptsächlich der Handfertigkeit des Vorführenden gilt. In anderen Worten: Die Leute erkennen, dass der Vorführende über große Handfertigkeit verfügt, erklären sich hiermit alles Gesehene und bewundern den Vorführenden eher so, wie man einen geschickten Jongleur bewundert. D. h., es ist ein „falsches Staunen“, auf jeden Fall aus der Sicht der Zauberei, denn das Staunen gilt nicht unerklärlichen, unmöglichen Wundern, sondern der Demonstration außerordentlicher Geschicklichkeit. Und diese Wirkung wird oft noch verstärkt, nämlich dann, wenn wir im Verlauf unserer Darbietungen die tollsten Ziergriffe vorführen.
Freilich: Bei Teilen der Magierschaft ist es heute „in“, den „Zauberer“ zu verleugnen, sich „Täuschungskünstler“ zu nennen und alles zu tun, um das Publikum darauf hinzuweisen, dass man nur Tricks zeigt. Ich will jedem seine eigene Meinung gönnen, aber man soll auch mir meine Meinung gönnen, und die ist nun mal, dass der wesentliche Kern der Zauberkunst der ist, beim Publikum die Illusion des „Unwirklichen, Unerklärbaren“ zu erzeugen. Und damit sind wir wieder bei Dr. Wilsmann.
Bei seinen Effekten wird diese Illusion oft erzeugt. Der Grund hierfür ist, dass die mathematischen Prinzipien, auf denen viele Kunststücke beruhen, für den Nichtwissenden undurchschaubar sind. Und da es sich um mathematische Prinzipien handelt, kann der Vorführende auf Grifftechnik verzichten – ja, sogar oft die Wunder in der Hand des Zuschauers stattfinden lassen. Auch die Tatsache, dass 32-Blatt-Spiele benutzt werden, sehe ich als Vorteil an, denn sie sind bei uns das „Normale“, während die ach so beliebten „Poker Size 52-Blatt-Spiel“ für Laien das „Unnormale“ und damit von vornherein „Verdächtige“ sind.
Das waren so etwa die Gedanken, die mir durch den Kopf gingen und die mich schließlich den EntSchluss fassen ließen, dieses Buch zu veröffentlichen. Hinzu kam die Tatsache, dass viele der hier beschriebenen Prinzipien auch heute noch völlig neuartig sind, wobei ich die englischsprachigen Länder mit einschließe.
Mein großer Dank gebührt Fritz Stieg für seine Bereitschaft, mir die Rechte an den beiden Dr. Wilsmann-Manuskripten zu überlassen. Danken darf ich aber auch dem „Magischen Zirkel von Deutschland“, der mir die Genehmigung erteilte, die in seiner Zeitschrift „Magie“ veröffentlichten Artikel von und über Dr. Wilsmann in dieses Buch mit aufzunehmen, und Herrn Peter Ülsmann von der Zauberzentrale F. W. Conradi-Horster, Berlin, für seine Zurverfügungstellung der von Conradi-Horster vertriebenen Dr. Wilsmann-Kunststücke.
Leider ist Dr. Wilsmann selbst nicht mehr in der Lage, ein Vorwort zu diesem Buch zu schreiben. Ich habe daher aus verschiedenen seiner Ausführungen ein mögliches Vorwort zusammengestellt:
„Rätselhafte neue Kartenkunst? Ausgezeichnet! Aber, aber … auf mathematischer Grundlage! Schade!
So wird gewiss mancher denken, der die Überschrift liest. Angelockt vom Rätselhaften, Neuen. Enttäuscht vom Hinweis auf die Mathematik.
Ich will mit diesen zahlenscheuen Magiern, diesen ‚mathematischen Neurotikern‘, nicht streiten, so leicht es mir fiele, ihnen zu beweisen, dass ihre Zahlenscheu, ihre ‚Arithmophobie‘ – um es medizinisch-gelehrt zu formulieren – lediglich auf ‚Komplexe‘, auf nicht abreagierbare Affekte aus der Jugendzeit, ganz schlicht gesagt: auf trübe Erfahrungen in der Schule zurückzuführen ist.
Auch ich habe diese Erfahrungen gemacht. Doch ich bin nicht dabei stehen geblieben, habe mir keine ‚Grundsätze‘ daraus zurechtgeschnitzt. Deshalb habe ich mir meine magischen Neigungen auch nie durch die so dumme Angst vor Zahlen einengen oder trüben lassen. Im Gegenteil: Erst durch die Zahlen habe ich recht eigentlich den Weg zur Magie, in die märchenschönen Gefilde des ‚Unberechenbaren‘ gefunden.
Jawohl, ich habe eine Vorliebe für Experimente auf mathematischer Grundlage. Aber Sie irren sehr, wenn Sie meinen sollten, diese Vorliebe habe den Zweck, irgendwelche Mängel zu tarnen. Seien Sie versichert: Ich filiere, koloriere, palmiere, schleife, voltiere genau so gut wie Sie, verehrter Anti-Mathematiker, vielleicht sogar besser. Meine Drehkarte kann sich jederzeit unter Magiern sehen lassen, auch mein Fächer, mein Wasserfall, mein Sprudel und was es sonst noch an Kunstgriffen und Zierspielen gibt. Meine Vorliebe für ‚Mathemagie‘ ist keine Vorliebe für ‚koffeinfreie‘ Magie! Sie gründet tiefer. In ihr drückt sich meine Vorliebe für das Geistvollere aus. ( Jetzt ist es heraus! Endlich! Warum bescheiden sein, wenn es auch unbescheiden geht?
Aber Scherz beiseite! Wie verblüffend ‚mathemagische‘ Experimente wirken können, selbst auf Kenner der Magie – vorausgesetzt, dass sie selbst ein wenig Geist mitbringen, nicht bloß auf drastische, handgreifliche Effekte eingestellt sind –, das hat kein Geringerer als mein Freund Helmut Schreiber-Kalanag bewiesen. Er weilte einmal als Gast im ‚Magischen Klub Wien‘. Seine Darbietungen berührten die Wiener Freunde wie eine Sensation und Paul Dienst schrieb in der ‚Magie‘: ‚Dann kamen vier wunderbare, uns vollkommen neue Kartentricks, darunter ein Zweimännertrick, der Rübezahl, und als Clou die Schicksalskarte, welch letzter Trick uns allen wohl das größte Kopfzerbrechen, verbunden mit schlaflosen Nächten, brachte.‘
Diese rätselhafte ‚Schicksalskarte‘ ist ein Originaltrick von mir. Seine Erklärung finden Sie in diesem Buch. Ein rein mathematischer Kartentrick, und trotzdem ein ‚Clou‘! Nur auf mathematischer Grundlage möglich. Anders gar nicht zu machen! Auf den ersten Blick ein unmögliches Ding, und doch möglich, nein, kinderleicht für den, der das Geheimnis kennt.
Natürlich darf man bei mathematischen Kartentricks nicht vergessen, das Ganze mit einem munteren Palaver so zu würzen, dass das Zählen und Rechnen als das Natürlichste von der Welt erscheint. Machen Sie es stets wie mein Freund Friedrich in Nürnberg, der immer da die witzigsten und magiekundigsten ‚Geister‘ beschwört, wo es ein bisschen wüstig, sandig, trocken zugeht. Das ist ja auch der Sinn des Vortrags beim Zaubern: alles, auch das Geringste, magisch zu motivieren! Das Wort muss gleichsam die Bühne herzaubern, auf der aus Vorgängen dramatische Aktionen, die Atmosphäre, in der aus bloßen Tricks Wunder werden.
Und dann noch eins: Schauen Sie sich stets Ihre Zuschauer vorher genau an! Nicht allen gefällt alles! Ich kenne Leute, die sich kindlich freuen, die vor einem unbegreiflichen Ereignis stehen, wenn aus einem Tuch eine Möhre und aus einer Möhre ‚anschließend‘ eine Banane wird. Solchen Leuten darf man nicht mit ‚mathemagischen Kartenkunststücken‘ aufwarten. Sie schwärmen nun einmal für magische Möhren und Bananen, diese geistigen ‚Rohköstler‘. Aber es gibt auch andere, besinnlichere Zeitgenossen. Sie werden Ihnen dankbar sein, wenn Sie ihnen gelegentlich, in einer gemütvoll-beschaulichen Stunde, meine Kartenmirakel vorführen. Glauben Sie es mir!
Viele Experimente habe ich im Laufe meines Lebens ersonnen. Eine große Auswahl von ihnen werden Sie in diesem Buch finden. Erwecken Sie sie wieder zum Leben und dieses Werk hat seinen Zweck erfüllt!“
So bleibt mir, dem Herausgeber, nur noch eines zu tun: Sie auf den folgenden Seiten dem Mann zu überlassen, dem dieses Buch gilt – Dr. Aloys Christof Wilsmann. Ich hoffe und wünsche, dass Sie die Bekanntschaft mit ihm und seinem Werk nicht bereuen und künftig sagen werden: „Auch die deutschsprachige Kartenkunst braucht international ihr Licht nicht hinter den Scheffel zu stellen – denken wir zum Beispiel an Dr. Wilsmann …!“
Der Text stammt aus dem gleichnamigen Buch „Unmöglich und doch möglich“, welches von der Magic Factory Essen herausgegeben wird. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Rechteinhabers.
