Eine beglückende Täuschung

Dr. A. Ch. Wilsmann
Magische Autoren des 20. Jahrhunderts

Unmöglich und doch möglich

2026 (1. Auflage)
Autor: Dr. A. Ch. Wilsmann

Seiten: 456

Verlag: Magic Factory

Kapitel 1

Es ist auffallend, dass nur sehr wenige Menschen überhaupt kein Verhältnis zur Zauberkunst haben. Die meisten haben nicht bloß ein Verhältnis zu ihr, sondern auch mit ihr. Sie lieben sie, und sei es auch nur insgeheim, sozusagen auf platonische Weise. Ich kenne würdige alte Herren vom hohen und höchsten Range, die sich wie Schulbuben freuen, wenn sie irgendwo ein neues Kunststück aufspüren. Und ich kenne Schulbuben, die aus dem gleichen Grunde das allerwürdigste Gesicht von der Welt aufsetzen.

Menschen, die nichts von der Zauberkunst wissen wollen, sind mir selbst bisher noch nicht begegnet. Aber ich kann mir denken, dass es auch solche Menschen gibt, und ich kann mir auch denken, was für Menschen das sind: missmutige Querulanten, schrullige Sonderlinge, snobistische Besserwisser, vertrocknete Pedanten, blasierte Halbgötter. Lauter Leute, denen irgendetwas an der vollen Menschlichkeit fehlt. Ist das verwunderlich? Nein! Es liegt im Wesen der Zauberkunst begründet.

Die Zauberkunst nimmt unter den Künsten eine Sonderstellung ein. Alle anderen Künste des Menschen, von den Künsten der feinschmeckerischen Sinne bis zu den Künsten des bildnerischen Geistes, vermögen oder vermochten auch nichtmenschliche Wesen zu ergötzen, untermenschliche und übermenschliche, das „leckerbissige“ Tier und den gestaltenden Gott. Die Zauberkunst dagegen vermag nur, den Menschen in ihren Bann zu ziehen, dieses sonderbare Wesen zwischen Tier und Gott. Sie ist eine ausgeprägte Kunst des „Zwischen-Bereichs“, eine unverkennbar menschliche Kunst.

Eben deshalb auch kann diese Kunst einem nichtmenschlichen Wesen nichts bedeuten, einem Tiere so wenig wie einem Gotte. Sie setzt Wesen voraus, die sich täuschen lassen, die getäuscht werden können und getäuscht werden wollen. Tier und Gott aber lassen sich nicht täuschen. Denn täuschen lassen sich nur ein Wesen, welches sich mit sich selbst vertauschen lassen, ein zwiefältiges, zwiespältiges Wesen, das nicht selbstgenügsam in sich ruht, nicht mit sich selbst „eins“ ist, sondern sich immerzu zwischen zwei Seinsmöglichkeiten wie zwischen zwei Polen hin- und herbewegt und um dieses Hin und Her „irgendwie“ weiß. Das Tier ist ein reines Naturwesen und nichts mehr, der Gott ein reines Geistwesen und nichts weniger. Der Mensch aber ist beides und keines ganz. Als Naturwesen ist er der unabänderlichen Gesetzlichkeit des Geschehens unterworfen, als Geistwesen weiß er um die Möglichkeit der Freiheit und des Wunders, um das Reich der übernatürlichen „jenseitigen“ Dinge.

Dieser Zwiespalt seines Wesens ist es, der ihn der Täuschung zugänglich macht, zugänglich im Sinne des Getäuscht-werden-Könnens und des Getäuscht-werden-Wollens. Der Mensch kann getäuscht werden, weil er nichts Einheitliches und Ganzes ist. Und der Mensch will getäuscht werden, weil er sich nach dem Wunder der Einheit sehnt und ihn schon der Schein dieses Wunders beglückt. Es mag sich sonderbar anhören, aber es ist so: In dem Willen des Menschen zur Täuschung offenbart sich nicht nur seine Beschränktheit, sondern auch sein Drang zur Vollkommenheit. Er möchte frei werden von der Last des Unabänderlichen, heraus aus den Fesseln der natürlichen Gesetze, wie ein Gott schalten und walten.

Es hat Zeiten gegeben, da der Mensch wähnte, diese Freiwerdung „magisch“ erzwingen zu können. Und es gibt auch heute noch Leute, die solchem Wider- und Aberglauben innerlich zugetan sind. Wer tiefer um des Menschen Wesen weiß und sich in gläubiger Selbstbescheidung mit seinem „Zwischen-Sein“ (und „Inzwischen-Sein“) abgefunden hat, wird über solche Narreteien nur lächeln können. Gerade er aber wird sich reinen Herzens der Wunder freuen, die ihm „zauberkundige“ Hände zu bereiten wissen: jener Wunder des schönen Scheins, die wir Zauberkünste nennen.

Der heutige Zauberkünstler ist nicht mehr der alte Magier. Sein höchster Ehrgeiz ist es, immer von neuem und immer anschaulicher zu beweisen, dass sehr vieles zwischen Himmel und Erde nur deshalb so unbegreiflich zu sein scheint, weil sich die Schulweisheit nichts davon träumen lassen. Er täuscht uns in der schönsten und beglückendsten Weise, die wir uns ersinnen können. Aber zugleich auch „ent-täuscht“ er uns, macht er uns frei von falschen „magischen“ Deutungen und Neigungen und frei für das Geistige und Natürliche in uns.

Diese Befreiung bedeutet keine Vernüchterung unseres Wesens. Nur ein schlechter und seine Zuschauer im schlechten Sinne des Wortes enttäuschender Zauberkünstler wird die oberflächliche Meinung aufkommen lassen, im Grunde sei alles auf Erden und im Himmel nur Schwindel und Trick. Ein guter Zauberkünstler – und nur er ist ein echter Zauberkünstler – wird seine Zuschauer zum gleichnishaften Sinn seines Schaffens hinführen und sie spüren lassen, was alles Zaubern erst eigentlich zauberisch macht: die bezaubernde Macht des persönlichen Menschseins.

Von den verschiedenen Gattungen der Zauberkunst erfreut sich die Kartenkunst zweifellos der größten Wertschätzung. Die Gründe liegen auf der Hand. Ein Päckchen Karten lassen sich leicht beschaffen und mitnehmen, und man kann damit ohne kostspielige Apparate, ohne langwierige Vorbereitungen und ohne besondere Fertigkeiten andere stundenlang in geistvollster und anmutigster Weise unterhalten. Ein Mensch, der sich auf Kartenkunststücke versteht, ist überall ein gern gesehener Gast: im Kreise der Familie, am Stammtisch, unterwegs im Eisenbahnabteil, auf dem Podium im Verein, kurzum überall, wo Menschen zusammenkommen, um sich für ein paar Stunden in der Woche die Berufssorgen und die Langeweile bei anregenden Gesprächen und heiteren Spielen zu vertreiben.

Wo und wann zum ersten Mal mit Spielkarten gezaubert worden ist, lassen sich heute nicht mehr ermitteln. Sicher ist, dass die Anfänge der Kartenkunst schon recht weit zurückliegen, mindestens an die 500 Jahre. Freilich: Die Kunststücke, die die Gaukler des Mittelalters und der folgenden Jahrhunderte mit ihren Karten zuwege brachten, waren – an den Vorführungen der heutigen Kartenkunst gemessen – noch recht unvollkommener Natur, tricktechnisch leicht zu durchschauen und psychologisch ohne besonderen Reiz. (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Zur wirklichen Kunst wurde die Kartenkunst erst im 19. Jahrhundert, durch die geniale Erfindungsgabe eines Mannes, der ohne Übertreibung als der größte Kartenkünstler der Welt bezeichnet werden darf. Auch heute noch. Dieser Mann war Dr. Johann Nepomuk Hofzinser. Er wurde am 19. Juli 1806 in Wien geboren. Wien war damals, zur Zeit des beginnenden Biedermeiers, eines der Hauptzentren des europäischen Kulturlebens. Es gab dort alles zu sehen und zu hören, was nur irgendwie sehens- und hörenswert war. Kein Träger eines berühmten Namens, gleich, auf welchem Gebiete er sich betätigte, versäumte es, sich gelegentlich auch einmal in der österreichischen Hauptstadt zu zeigen. Selbstverständlich, dass auch alle bedeutenderen Zauberkünstler jener Zeit Wert darauf legten, in Wien aufzutreten, zumal da gerade die Wiener damals eine ausgesprochene Schwäche für gute Zauberkünstler hatten.

Sie alle lernte Hofzinser kennen. Eingehend studierte er ihre Darbietungen und Vorführungsweisen, verbesserte, was sich in technischer oder stilistischer Hinsicht verbessern ließ, und widmete sich als gebildeter Liebhaber vor allem jener Gattung von Zauberkunststücken, die sich auch ohne umständliche Hilfsmaßnahmen als wirkungsvoll erwiesen. So wurde er zum Begründer jener besonders in gebildeten Kreisen beliebten Zauberkunst, die noch heute als „Salonmagie“ bezeichnet wird. Der Name „Salonmagie“ weist übrigens darauf hin, dass diese Art von Zauberkunst vorwiegend in den „Salons“ der vornehmen Gesellschaft, den Stätten des biedermeierlichen Kulturlebens, gepflegt wurde.

Nach Beendigung seines Hochschulstudiums, das er mit dem philosophischen Doktorexamen abschloss, trat Hofzinser in den österreichischen Staatsdienst ein, wo er schon nach wenigen Jahren eine angesehene Stellung im Finanzministerium einnahm, die er bis zu seiner Verabschiedung innehatte. Fast seine ganze Freizeit füllte er mit täuschungspsychologischen Studien und Versuchen aus. Besonders hingebend befasste er sich mit der Kartenkunst, wohl weil er die Erfahrung gemacht hatte, dass sich mit Kartenkunststücken die besten Wirkungen in kleineren Kreisen erzielen liessen.

Er entdeckte dabei völlig neue, bis dahin nicht einmal geahnte Möglichkeiten. „Was er hier schuf“, schreibt sein Biograph Ottokar Fischer, „grenzt ans Erstaunliche.“ Selbst die größten Zauberkünstler der damaligen Zeit standen verwundert vor diesen Darbietungen, die übrigens so ungewöhnliche technische Fertigkeiten und psychologische Fähigkeiten voraussetzten, dass nur ganz wenige sie nachmachen konnten. Hofzinser selbst bereiteten sie nicht die geringsten Schwierigkeiten. Er war eben, wie Fischer an einer anderen Stelle von ihm sagt, „eine Beethovennatur in schöpferischer, eine Paganinigestalt in darstellerischer Hinsicht“.

In welchem Ansehen Hofzinser bei seinen Zeitgenossen stand, beweist die Tatsache, dass es damals kaum ein Schaufenster in Wien gab, in dem nicht ein Bildnis von ihm zu finden gewesen wäre. Die bekanntesten Künstler malten ihn, und die vornehmsten Mitglieder der Gesellschaft beehrten ihn mit ihrer Gunst. Es gehörte zum guten Ton, seine Privatvorführungen zu besuchen. Alle Welt sprach von ihm, und die Zeitungen schätzten seine Kunst höher ein „als alle theatralischen und musikalischen Genüsse“.

Eifersüchtig war Hofzinser auf die Wahrung seiner Geheimnisse bedacht, sogar über das Grab hinaus. Kurz vor seinem Tode verpflichtete er seine Gattin, seinen gesamten Nachlass zu vernichten. So kam es, dass uns kein einziges Dokument aus seiner Hand erhalten blieb. Lediglich dem glücklichen Zufall, dass Hofzinser einige seiner Kunststücke seinem Schüler Heubeck anvertraute und dieser sie später dem schon erwähnten Wiener Zauberkünstler Ottokar Fischer weitergab, lediglich diesem Zufall ist es zu verdanken, dass uns wenigstens ein Teil der herrlichen Schöpfungen des großen Meisters erhalten geblieben ist.

Noch weniger als von Hofzinser ist uns von einem anderen großen Kartenkünstler überliefert worden. Wir kennen nicht einmal seinen wirklichen Namen. Dieser Mann, der im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts, so um 1870 herum, eines guten Tages in London auftauchte, trug ein mehr als sonderbares Wesen zur Schau. Allem Anschein nach war er schon sehr alt; denn die Haut seines schmalen, hohlwangigen Gesichts war zerknittert und vergilbt wie die Haut einer ägyptischen Mumie. Seine Kleidung sah ärmlich und mitgenommen aus, und auf seinem Kopfe trug er einen zerknüllten und verblichenen Zylinder, unter dem das lange, strähnig verfilzte Haar ungepflegt hervorquoll.

Wer den Fremdling sah, musste unwillkürlich an die Sphinx oder an den ewigen Juden denken, schreibt Dr. Henry Ridgely Evans. Man spürte: Irgendein geheimnisvolles Schicksal zog seine drohenden Kreise um diesen alten Mann. Nur die Augen des Sonderlings waren bisher noch nicht in diese Kreise eingefangen. Sie blickten lebhaft und fast jugendlich-übermütig in die Welt, vielleicht ein wenig zu lebhaft für die von Trauer und Leid verdunkelten Höhlen, in denen sie lagen, so dass man das Gefühl nicht los wurde, sie erwarteten irgendetwas, das ihnen vom inneren Schauen her lange bekannt war und vor dessen Wiederschau in der wirklichen Welt sie sich schon seit vielen Jahren fürchteten. Es war etwas Lauerndes in ihnen: jene spähende Überwachheit, wie man sie in den Augen von Menschen beobachten kann, die in den Nächten wach liegen und in das Dunkel starren. Diese Augen passten nicht zu dem alten Gesicht. Sie waren aus irgendeinem leidvollen und unbegreiflichen Grunde zu jung geblieben.

Ganz plötzlich war der rätselhafte Fremde da. Keiner vermochte zu sagen, woher er mit einem Male gekommen war. Er nannte sich kurz Mr. Charlier und wohnte in einer Seitenstraße abseits vom „Strand“, in einem lächerlich kleinen Loch von Zimmer, in dem nichts weiter zu finden war als ein Bett, ein Tisch und ein Stuhl. Dort saß er, wenn er nicht gerade in den Straßen der Riesenstadt unterwegs war, und zeichnete Monogramme. Und hatte er einmal keine Monogramme zu zeichnen, dann präparierte er Spielkarten zu Zauberzwecken, mit einer Geschicklichkeit, die staunenerregend war.

Besucher kamen nur selten in Charlies einsame „Höhle“. Die meisten Aufträge verschaffte er sich wohl auf seinen Gängen von Tür zu Tür. Aber hin und wieder fand doch der eine oder andere aus seiner Zufallsbekanntschaft den Weg zu ihm. Solchen Gästen zeigte er bisweilen auch ein paar Kartenkunststücke, höchst merkwürdige Dinge, die, wollte man nicht an Wunder glauben, eine geradezu tolle Fingerfertigkeit und einen ungewöhnlichen Scharfsinn bezeugten.

Selbst ein Kenner der „höheren Kartenkunst“ wie der berühmte Angelo Lewis – der unter dem Decknamen Professor Hoffmann eine Reihe bedeutender Werke über die Zauberkunst verfasst hat – war über die Darbietungen des Alten so entzückt und erstaunt, dass er ihn in einem seiner späteren Bücher als den „größten lebenden Kartenkünstler“ bezeichnete.

Nach Hoffmanns Mitteilungen war Charlier – ich folge hier Evans – der Erfinder eines geistreichen Systems der Kartenkennzeichnung, das auch den schärfsten und misstrauischsten Augen verborgen blieb, und einer besonderen Merktabelle, mit deren Hilfe sich Kunststücke vorführen ließen, die in ihrer Wirkung an Gedankenlesen und andere übersinnliche Erscheinungen erinnerten. Außerdem erfand Charlier eine wundervolle einhändige „Volte“, einen Kunstgriff, der unter Zauberkünstlern heute als „Charlier-Volte“ allgemein bekannt ist, und eine vortreffliche Methode des Falschmischens, die den Freunden der Kartenkunst durch den englischen Zauberkünstler Charles Bertram überliefert worden ist.

Wer war Charlier? In einem Brief an Evans – dessen Forschungen zur Geschichte der Zauberkunst trotz ihres anekdotischen Charakters äußerst wertvoll sind – teilte Angelo Lewis im Jahre 1909 noch Folgendes über ihn mit: „Ich lernte ihn 1874 kennen. Seine Geschicklichkeit bei der Vorführung von Kartenkunststücken war wundervoll, aber von irgendeinem anderen Zweige der Zauberkunst kannte er nichts. Er hatte keinerlei Programm und zauberte niemals öffentlich. Sein chronischer Zustand war Armut. Als ich diesen rätselhaften Alten zum letzten Male sah, erzählte er mir, er werde demnächst zu Freunden nach Boulogne fahren. Ich nehme an, dass er dort drüben gestorben ist.“

Ganz sicher scheint das aber nicht zu sein. Tatsache ist nur, dass Charlier eines Tages aus London verschwand, ohne irgendwem anvertraut zu haben, wer er eigentlich war. Niemand vermochte Genaueres über ihn zu sagen. Nicht einmal das Geheimnis seiner Nationalität lüftete er. Die einen hielten ihn für einen Deutschen, die anderen für einen Franzosen, Türken, Russen, Italiener oder Griechen. Er sprach eine Reihe europäischer Sprachen und schien schon weit in der Welt herumgekommen zu sein.

War er vielleicht mit dem alten Mr. Arelier identisch, der einige Zeit später in Nizza gesehen wurde und im Aussehen und Benehmen ganz dem Londoner Charlier glich? Oder mit dem sonderbaren Zauberer Carabaraba, der 1876 in Francisco erschien und durch seine merkwürdigen Kartenkunststücke Aufsehen erregte? Dieser Carabaraba, der sich auch als St. Jean vorzustellen pflegte, gab vor, bereits 90 Jahre alt zu sein. Er beherrschte viele Sprachen und war allen, die ihn kennen lernten, ein Rätsel.

Nie wurde geklärt, wer Charlier war. Und wahrscheinlich wird es wohl auch immer ungeklärt bleiben. Einer seiner „Schüler“ – Charlier unterwies verschiedene Londoner Herren in den Grundgriffen seiner Kartenkunst – hielt ihn für den illegitimen Sohn eines russischen Großherzogs. Er habe bereits als junger Mann sein Vaterland „wegen Unglücks im Kartenspiel“ verlassen müssen. Das klingt stark nach „romantischer Kolportage“, ist aber nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen. Sicher jedenfalls ist, dass Charlier früher einmal in sehr guten Verhältnissen gelebt haben muss.

Während seiner Londoner Zeit lebte er einsam und zurückgezogen. Peinlich vermied er es, sich mit anderen über seine persönlichen Angelegenheiten auszusprechen. Nichts also liegt näher, als anzunehmen, er habe etwas Wichtiges aus seinem Leben zu verbergen gesucht. J. N. Maskelyne, der weltberühmte englische Illusionist, der sich eingehend mit den Kunstgriffen der Falschspieler befasst hat, war der Ansicht, Charlier sei ein Falschspieler gewesen. Durch diese Annahme lassen sich manches in dem Benehmen des rätselhaften Fremdlings verständlich machen. Streng zu beweisen ist sie freilich nicht. Denn zu jener Zeit, da Charlier in London auftauchte, war er bestimmt kein Falschspieler mehr. Vielleicht war er es überhaupt nur ein einziges Mal in seinem Leben, in einer leichtsinnigen Stunde, die ihm für immer zum Schicksal wurde.

Als Besonderheit sei zum Schlusse noch erwähnt, dass Charlier ein ungewöhnliches Fingerspitzengefühl besaß und mit Hilfe dieses überfeinen Tastvermögens, das am ausgeprägtesten in seinem rechten Daumen war, Kunststücke vollbringen konnte, die völlig unnachahmlich waren.

Ein dritter großer Kartenkünstler war der Bostoner Dr. James William Elliot, dem seine amerikanischen Freunde den Titel „König aller Kartenkönige“ verliehen. Zwar: Ein berufsmäßiger Kartenkünstler war er genau genommen so wenig wie sein berühmter Vorläufer Dr. Hofzinser. Dem Beruf nach war er Arzt, Leiter einer großen Klinik und überdies ein bedeutender Forscher auf dem Gebiete der pathologischen Anatomie. Er wurde am 27. April 1874 in Rumford in der englischen Grafschaft Oxford geboren, kam aber schon in jungen Jahren nach Amerika, lebte in Boston und starb dort am 2. Januar 1920.

Bereits als Student fühlte er sich unwiderstehlich von der Kartenkunst angezogen. Jahrelang übte er wie besessen, führte bisweilen ein richtiges Asketenleben, um ja nicht in seinem „Training“ gestört zu werden. Kein Wunder, dass er mit der Zeit eine Fertigkeit erlangte, die jeden Berufskünstler in neidloses Erstaunen versetzte. Er erfand, wie Hofzinser, viele neue Kunststücke, die Harry Houdini und Clinton Burgess nach seinem Tode in einem Buche („Elliott’s Last Legacy“ – „Elliotts letztes Vermächtnis“) veröffentlichten, und schuf sich einen ganz neuen Stil der Vorführung, der höchste Eleganz mit geistreicher Witzigkeit verband.
Nichts kennzeichnet seine Liebe zur Kartenkunst besser als die Tatsache, dass er seine ärztliche Tätigkeit volle zehn Jahre aufgab, um mit der weltberühmten Zauberertruppe „Le Roy, Talma, Bosco Co.“ alle Kulturländer der Erde zu bereisen. Die Führung dieser Truppe hatte sein Freund Dr. Buckey, der ihm später einen ergreifenden Nachruf widmete, in dem es zum Schluss heißt: „Wahrlich, Dr. Elliott überwand diese Welt in den wenigen Jahren, die er lebte. Es war ein großes Geschenk des Schicksals für mich, seiner herrlichen Kameradschaft teilhaftig zu werden!“ Diese Sätze bezeugen, dass Elliott nicht nur ein großer Kartenkünstler, sondern auch ein prächtiger Mensch gewesen sein muss.

Wie Hofzinser hatte Elliott ein instinktsicheres Gefühl für den arteigenen Charakter der Kartenkunst. Diese Kunst ist gleichsam die Kammerkunst unter den Zauberkünsten, eine Kunst der feinen Unterschiede, der persönlichen Spitzlichter, der hellhörigen Betonungen, der unmerklichen Übergänge. Sie verlangt daher vom Künstler neben einer artistisch verfeinerten Bewegungstechnik – die aber nicht in allen Fällen vonnöten ist – einen lebendigen Spürsinn für die Unwägbarkeiten des Augenblicks, einen regen, entSchlussfähigen Geist, Fantasie und Intuition und vor allem die Gabe, die Aufmerksamkeit anderer Menschen nach Belieben zu lenken und abzulenken.

Das sind Fähigkeiten, über die nicht jeder Mensch verfügt, auch nicht jeder Zauberkünstler. Darum sind auch in den Kreisen der „Magier“ ganz erstrangige Kartenkünstler nur selten anzutreffen. Am ehesten begegnet man ihnen noch unter gebildeten Liebhabern. Begreiflich: Denn der Berufskünstler muss sein Augenmerk in erster Linie auf solche Darbietungen richten, die sich für die Bühne eignen. Die Kartenkunst aber ist eine ausgeprägte Nahsichtkunst und als solche auf den intimen Raum und den geschlossenen Kreis angewiesen.
Es ist kein Zufall, dass die Kartenkunst ihre besten Ideen und ihre stärksten Anregungen immer wieder aus Liebhaberkreisen empfangen hat, zumal in den letzten Jahrzehnten. Das ist einem ohne weiteres verständlich, wenn man bedenkt, eine wie bemerkenswerte geistige Leistung die Erfindung eines wirksamen neuen Kartenkunststücks ist. Sie erfordert restlose Hingabe an die Sache, unendlich viel Geduld, einen klaren, methodisch geschulten Verstand, Scharfsinn und kombinatorischen Witz, ganz abgesehen von gründlicher Literaturkenntnis und psychologischer Begabung. Es ist nicht schwierig, ein neues Kreuzworträtsel auszudifteln, viel schwieriger schon, eine befriedigende Schachaufgabe aufzubauen, am schwierigsten aber, einen Vorgang zu ersinnen, der anderen restlos rätselhaft bleibt, und das alles ohne Zuhilfenahme kunstvoller Apparate und technischer Hilfsmittel, lediglich mit einem Päckchen Spielkarten, die jeder genau zu kennen glaubt und mit denen schon seit Jahrhunderten experimentiert wird.

Wie viele Kunststücke gibt es nicht schon? Tausende und aber Tausende. Und dennoch werden immer wieder neue Möglichkeiten im Reiche der Kartenkunst entdeckt, Möglichkeiten manueller, mathematischer, psychologischer, stilistischer, materieller und sonstiger Art. Man sollte es kaum glauben, welchen Reichtum in täuschungskünstlerischer Beziehung ein gewöhnliches Kartenspiel birgt. Man sehe sich daraufhin einmal die Vorführung eines wirklich begabten Kartenkünstlers an – man kommt nicht aus dem Staunen heraus.
Nur wenige werden eine absolute Vollkommenheit erreichen. Denn nur wenige werden sich die Mühe machen, zu üben und – zu üben. Aber das braucht niemanden zu hindern, sich auch einmal näher mit der schönen Kartenkunst einzulassen. Es gibt eine Reihe von Kunststücken, die keinerlei Fingerfertigkeit erfordern und trotzdem rätselhaft und verblüffend wirken, ja, teilweise sogar noch rätselhafter und verblüffender als die anderen. Unter Zauberkünstlern ist es nicht gleichgültig, wie einer zu seinem Ziele kommt, ob auf artistisch schwierige oder nicht schwierige Weise. Dem Laien kann das gleichgültig sein. Für ihn ist die Hauptsache, dass gezaubert wird.

Die Kunststücke, die sich in dem vorliegenden Buche finden, sind ohne Ausnahme als wirkungsvoll erprobt. Es ist keines darunter, das dem Nichteingeweihten nicht schwerstes Kopfzerbrechen bereitet, aber auch keines, das nicht jeder Wissende sofort nachmachen kann. Absichtlich habe ich alles beiseite gelassen, was die Fertigkeiten und Fähigkeiten des ungeübten Liebhabers übersteigt. Ich hatte den Ehrgeiz zu zeigen, dass sich auch ohne schwierige Kunstgriffe rätselhafte Dinge mit Karten machen lassen, Dinge, die sogar die erfahrenen Kartenkünstler hinter das Licht führen können. Meine besondere Aufmerksamkeit schenkte ich der mathematischen Kartenkunst, mit der ich mich seit Jahren hingebend beschäftige. Von dem, was bereits bekannt war, wählte ich die besten Stücke aus. Dazu schuf ich eine Reihe neuer Kunststücke, die hier zum ersten Male veröffentlicht werden.

In der Darstellung der Dinge befliss ich mich größter Einfachheit. Ich betrachte es nicht als meine Aufgabe, Stilkünste vorzuführen, sondern Kartenkunststücke zu beschreiben, so zu beschreiben, dass der Leser auch wirklich erfährt, was er erfahren muss. Dass ich mich dabei häufig wiederholen musste, bisweilen in ganzen Satzwendungen, störte mich nicht. Hoffentlich wird es auch den Leser nicht stören. Bemerkt sei noch, dass sich manches schwieriger liest, als es ist. Diese scheinbaren Schwierigkeiten lassen sich leicht überwinden, wenn man während des Lesens ein Kartenspiel zur Hand nimmt und gleich einmal probiert, was dargelegt wird.

Und nun zum Schluss noch dies: Viele Leser von Zauberbüchern machen den Fehler, gleich nach der Erklärung eines Kunststücks zu suchen. Ich gebe jedem den guten Rat, zuerst stets das Thema genau zu studieren, damit er sich daran gewöhnt, das Kunststück so sehen zu lernen, wie es der Zuschauer nachher erlebt. Man muss sich immer erst selbst neugierig auf die Erklärung machen, ehe man daran geht, den Schleier zu lüften. Sonst läuft man Gefahr, ein Kunststück nur deshalb für wirkungslos zu halten, weil die Erklärung einem zu „banal“ zu sein scheint. Viele der besten und rätselhaftesten Kunststücke in der Magie sind in der Erklärung ganz einfach, so einfach, dass man nachher kaum verstehen kann, wie man auf einen so simplen Trick hereinfallen konnte.

Von selbst versteht sich, dass man ein Kunststück nicht eher vorführen darf, als bis man es wirklich beherrscht, bis es einem sozusagen in Fleisch und Blut übergegangen ist. Manche Leute haben das Bestreben, ihr eben erst erworbenes Wissen gleich auszukramen. Das ist falsch, selbst dann falsch, wenn die Zuschauer das Geheimnis nicht durchschauen. Wirklich verblüffend wirkt ein Kunststück erst dann, wenn es flüssig dargeboten wird, gleichsam als „Improvisation“. Wesentlich bei der Vorführung ist ein witziger und lebendiger Vortrag. Zwar habe ich vielen Kunststücken meine Vorträge mitgegeben, doch lassen sich ein Vortrag nicht fertig übernehmen und auswendig lernen. Es wirkt meistens tot und langweilig, wenn ein Zauberer „in fremden Zungen“ spricht. Er soll und muss so sprechen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist und wie es der Augenblick gerade erfordert. Das schließt nicht aus, dass man sich an ein vorgegebenes Vortragsthema hält oder sich schon vorher durch den Kopf gehen lassen, was sich wohl zu diesem oder jenem Kunststück am besten sagen ließe. Unter keinen Umständen darf ein Zauberer nachher seine Geheimnisse verraten. Er zerstört damit den anderen nur die Illusion und sich selbst die Möglichkeit, weiter zu zaubern. Nicht richtig ist es auch, alle Kunststücke, die man kennt und beherrscht, hintereinander weg im Schnelltempo an die Leute zu bringen. Man muss nicht nur zur rechten Zeit zu beginnen, sondern auch zur rechten Zeit aufzuhören wissen. Die ganz Klugen hören immer dann auf, wenn die Spannung und Neugierde der Zuschauer den Gipfelpunkt erreicht hat.

Der Text stammt aus dem gleichnamigen Buch „Unmöglich und doch möglich“, welches von der Magic Factory Essen herausgegeben wird. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Rechteinhabers.

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